Lehrkräftemangel im Land bleibt Thema trotz behobenem Systemfehler
Lehrkräftemangel im Land bleibt Thema trotz behobenem Systemfehler, Foto: Pexels / Lizenz: Pexels

Ein neuer Abschlussbericht sorgt im Südwesten für Diskussionen. Die Landesregierung bestätigte erhebliche Datenfehler bei der Berechnung unbesetzter Lehrerstellen und legte damit eine jahrelange Problematik offen. Die Ergebnisse betreffen zahlreiche Schularten und geben Einblick in verwaltungsinterne Abläufe, die seit 2005 wirkten. Besonders brisant ist die bestätigte Zahl von rund 2.500 offenen Lehrerstellen im Jahr 2015, die erst jetzt vollständig dokumentiert werden konnte.

Inhaltsverzeichnis:

Ursachen im System Dipsy

Die gemeinsame Arbeitsgruppe von Finanz- und Kultusministerium legte ihren Bericht am Montag vor. Er bestätigt, dass die „wahrscheinliche Hauptursache“ der Probleme in der Umstellung auf das Personalverwaltungssystem Dipsy in den Jahren 2005 und 2006 lag. Laut Arbeitsgruppenleiterin Birgit Gutsche existierten vor 2015 keine „verlässlich auswertbaren Daten“, weshalb die Analyse älterer Jahre auf Annahmen beruhte.

Die Untersuchung identifizierte mehrere technische und organisatorische Fehlerquellen. Dazu gehörten inkonsistente Softwarefunktionen sowie händische falsche Eingaben durch Behördenmitarbeitende. Dadurch wurden Stellen als besetzt geführt, obwohl sie tatsächlich vakant waren. Gutsche beschrieb die Rekonstruktion der Abläufe der vergangenen zehn Jahre als „detektivische Arbeit“. Verbesserungen im System reduzierten die Fehlerquote, dennoch blieben zwischen 2017 und 2023 knapp 2.000 Stellen unbesetzt.

Ein überblicksartiger Hintergrund zum Schulwesen im Land findet sich u. a. im Beitrag zur Schulreform in Baden-Württemberg.

Kretschmann und die Folgen für Schulen

Ministerpräsident Winfried Kretschmann erklärte, der Fehler sei erkannt und künftig auszuschließen. Er bezeichnete die kurzfristige Besetzung der freien Stellen vor dem jeweiligen Schuljahresbeginn als „riesigen Kraftakt“.

440 Stellen werden neu besetzt, 600 gehen ins nächste Verfahren
440 Stellen werden neu besetzt, 600 gehen ins nächste Verfahren, Foto: Pexels / Lizenz: Pexels

Insgesamt sollen 1.440 Stellen nachbesetzt werden. Etwa 600 davon waren im Oktober noch unbesetzt und wurden in das Verfahren für das kommende Schuljahr überführt.

Die neuen Zuweisungen umfassen verschiedene Schularten. Die Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) erhielten 485 Stellen, Grundschulen 350, Real- und Werkrealschulen 200, Gemeinschafts- sowie Berufsschulen jeweils 100. Gymnasien wurden mit 50 Stellen für Mangelfächer ausgestattet. Zusätzlich erhöhte man die Krankheitsreserve um 155 Stellen. Auch Junglehrkräfte, die zuvor keine Anstellung am Gymnasium gefunden hatten, profitierten.

Die Auswirkungen fehlender Lehrkräfte greifen in weitere Bereiche ein. Ein Beispiel dafür zeigt die Analyse zu steigendem Schulabsentismus.

Reaktionen von GEW, BLV und FDP

Die Gewerkschaft GEW äußerte starke Kritik. Landesvorsitzende Monika Stein erklärte, die Schulen hätten „massiven Mangel erlitten“. Sie betonte, dass dadurch über zwei Jahrzehnte weit über eine Milliarde Euro eingespart worden sei. Die GEW fordert, diese Summe vollständig an die Schulen zurückzuführen und hält einen zehnjährigen Stufenplan für möglich.

Das Kultusministerium widersprach. Ministerialdirektor Daniel Hager-Mann verwies auf bestehende Investitionen, etwa Programme zur Sprachförderung an Kindertagesstätten und Grundschulen. Der vor 20 Jahren entstandene Fehler könne nicht rückwirkend ausgeglichen werden.

Der Berufsschullehrerverband (BLV) zeigte sich „maßlos enttäuscht“. Etwa 30 Prozent der falsch ausgewiesenen „Geisterstellen“ entfielen auf berufliche Schulen. Der Verband erneuerte seine Forderung nach 500 zusätzlichen Stellen. Das Ministerium erklärte dazu, dass die Verteilung sich am jeweils größten aktuellen Bedarf orientiert habe.

Die FDP verlangte einen Untersuchungsausschuss. Hans-Ulrich Rülke sprach von einem „Offenbarungseid“ und kritisierte die Aufklärung. Der Realschullehrerverband (RLV) schloss sich der Forderung an. Die GEW wies sie hingegen zurück und sprach von „Wahlkampf pur“. Stein erinnerte daran, dass alle Parteien, die in den vergangenen 20 Jahren Verantwortung getragen haben – darunter auch die FDP –, an der Situation beteiligt waren.

Einordnung der Datenlage

Der Bericht zeigt eine komplexe Fehlerkette. Sie setzt sich aus Softwareproblemen, organisatorischen Lücken und unvollständigen Datensätzen zusammen. Laut Gutsche gilt das System nun als stabilisiert. Damit ordnet der Bericht erstmals eindeutig ein, wie die Personalstrukturen im Land über zwei Jahrzehnte hinweg verzerrt wurden.

Flankierende Entwicklungen rund um Digitalisierung und Schultechnik werden u. a. im Beitrag Unsicherheit beim Einsatz von KI in Schulen dargestellt.

Quelle:  SWR, WEBRIVAIG

FAQ

Wie viele Lehrerstellen waren 2015 in Baden-Württemberg unbesetzt?

Im Jahr 2015 waren rund 2.500 Lehrerstellen unbesetzt, wie der Abschlussbericht der Arbeitsgruppe feststellt.

Was war laut Bericht die Hauptursache für die fehlerhaften Daten?

Die Hauptursache war die Umstellung auf das Personalverwaltungssystem Dipsy in den Jahren 2005 und 2006, kombiniert mit händischen Falscheingaben.

Wie viele Stellen wurden für die Nachbesetzung vorgesehen?

Die Landesregierung hatte 1.440 Stellen zur Nachbesetzung ausgeschrieben, von denen rund 600 ins neue Vergabeverfahren überführt wurden.

Welche Schularten profitierten am stärksten von den neuen Stellenverteilungen?

Besonders die Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) erhielten 485 Stellen, gefolgt von Grundschulen mit 350 Stellen.

Warum fordert die GEW eine finanzielle Entschädigung?

Die GEW argumentiert, dass Schulen über 20 Jahre Personal vorenthalten wurde und dadurch über eine Milliarde Euro eingespart worden seien, die nun an die Schulen zurückfließen müssten.

Weshalb verlangt die FDP einen Untersuchungsausschuss?

Die FDP sieht ein jahrelanges Versagen der Landesregierung und bezeichnet die Aufarbeitung der Vorgänge als unzureichend.

Ist der Fehler im Verwaltungssystem inzwischen behoben?

Laut Arbeitsgruppenleiterin Birgit Gutsche funktioniert das System nun stabil, sodass der Fehler als behoben gilt.

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