Ein interaktives Projekt im Bibliorama Stuttgart soll christlich-muslimischen Dialog fördern. Drei junge Frauen entwickelten eine neue Station zur Figur Moses. Das Besondere: Moses spielt eine zentrale Rolle sowohl in der Bibel als auch im Koran. Ziel ist, Kindern im Alter von zehn bis zwölf Jahren Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Christentum und Islam zugänglich zu machen. Das neue Ausstellungselement ist ein interaktives Lernangebot. Es verbindet historische Figuren mit moderner Museumspädagogik. Das Projekt wurde ursprünglich als studentische Arbeit konzipiert, hat sich jedoch zu einer dauerhaften Ergänzung der Ausstellung entwickelt.
Inhaltsverzeichnis:
- Moses in Bibel und Koran
- Plexiglasscheiben und Spiegelwände
- Persönliches Engagement und neue Perspektiven
- Bildungsziel - Verständnis durch Beteiligung
Moses in Bibel und Koran
Die neue Station zur Figur Moses wurde von Makisa Fathai, Esra Öztürk und Hanna Allgayer gestaltet. Alle drei studierten an Hochschulen in Ludwigsburg – Fathai und Öztürk auf Lehramt, Allgayer Religions- und Gemeindepädagogik. Ihre Idee: eine Verbindung von Erzählungen aus Bibel und Koran schaffen, die dialogbereit macht.
Ein roter Rollkoffer mit zehn Plexiglasscheiben und einem Moses-Wackelbild bildet das Zentrum der neuen Station. Die Scheiben enthalten Verse aus dem Koran. Das Lentikulardruckbild zeigt Moses in zwei Perspektiven – als Säugling im Korb und beim Teilen des Meeres. Beide Szenen finden sich sowohl im Alten Testament als auch im Koran. Damit entsteht ein klarer Gesprächsanlass.
Das gesamte Museumskonzept des Bibliorama dreht sich um biblische Personen. Insgesamt 15 Stationen führen durch die christliche Glaubenswelt. Mit dem neuen Beitrag zur Figur Moses wird erstmals eine interreligiöse Dimension integriert.
Plexiglasscheiben und Spiegelwände
Der Raum für die Moses-Station gleicht einem Spiegelkabinett. Spiegel an den Wänden, Wasserzeichnungen am Boden, keine klaren Konturen – das erzeugt ein Gefühl von Flucht, Unsicherheit und Orientierungslosigkeit. Nur zehn Vertiefungen an den Wänden bieten Struktur. Dort stehen die Zehn Gebote.
In jede Vertiefung wird eine Plexiglasscheibe mit einem passenden Koranvers gesteckt. So entsteht eine direkte Gegenüberstellung zwischen biblischen und koranischen Inhalten. Beide Texte sind gleichwertig lesbar – und stehen nebeneinander. Das fördert Perspektivwechsel und Verständnis.
Besonders wichtig: Die Kinder dürfen selbst aktiv werden. Sie erhalten je eine Plexiglasscheibe und setzen diese in die Station ein. Dadurch entsteht ein haptisches und visuelles Erlebnis, das Lernen durch eigenes Tun ermöglicht.
Persönliches Engagement und neue Perspektiven
Für Makisa Fathai wurde das Projekt zur Herzenssache. Ursprünglich war es eine Studienaufgabe. Doch schnell entwickelte sich die Arbeit zu einem persönlichen Anliegen. Sie betont, wie wichtig es ihr ist, als Muslimin offen über ihren Glauben sprechen zu können – und anderen zuzuhören.
Auch Hanna Allgayer empfand das Projekt als prägend für ihre eigene Glaubensentwicklung. Durch die Auseinandersetzung mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden der beiden Religionen habe sie neue Einsichten gewonnen.
Museumsleiterin Beate Schuhmacher-Ries nennt die Moses-Station inzwischen das „Highlight“ der Ausstellung. Für sie erfüllt das Projekt genau das Ziel, das sie mit dem Museum verfolgt: Austausch, Begegnung und gegenseitiger Respekt. Besonders Schulklassen profitieren vom neuen Angebot. Es bietet Raum für Dialog – ohne Wertung und auf Augenhöhe.
Bildungsziel - Verständnis durch Beteiligung
Das Projekt zeigt, wie museumspädagogische Arbeit religiöse Bildung fördern kann. Drei zentrale Punkte machen die neue Station besonders:
- Interaktive Elemente: Kinder werden aktiv eingebunden.
- Visuelle Zugänge: Die Wackelbilder und Spiegel schaffen intensive Eindrücke.
- Thematische Verbindung: Moses als zentrale Figur beider Religionen bildet eine gemeinsame Basis.
Durch den Bezug zu realen Erzählungen aus Bibel und Koran entsteht eine Brücke zwischen Christentum und Islam. Die neue Station im Bibliorama liefert ein gelungenes Beispiel für interreligiöse Bildungsarbeit im schulischen Kontext – konkret, greifbar und dialogorientiert.
Quelle: SWR